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Ärzte als Mitunternehmer

Dienstag, 14. März 2006
Stuttgarter Zeitung Online

Eine neue Richtung hat, wie berichtet, das Universitätsklinikum Freiburg mit einer Ausgründung eingeschlagen. Es will sich mit einer Klinik für Schönheitsoperationen "modellhaft auch privatwirtschaftlich" engagieren und lässt dabei Ärzte als Operateure und Gesellschafter agieren.

Von Wolfgang Borgmann

Bei der offiziellen Einweihung hoch oben im fünften Stock des Hotels Stadt Freiburg sprach Matthias Brandis von einem "glücklichen Tag". Damit wollte der Leitende Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Freiburg nicht etwa auf eine neue medizinische Großtat aufmerksam machen. Sein Adressat war der Hotelier und neue Vertragspartner Roland Burtsche. Die Bindung beruhe "auf gegenseitigem Vertrauen und gemeinsamem finanziellem Engagement". Das Klinikum stellt Operateure und Fachpersonal, der Hotelier bietet "Intimität, Komfort und Service" für das gehobene Publikum.

Fachärzte und Gastronomen als gemeinsame Partner und Gesellschafter, dasUniversitätsklinikum mit 39 Prozent als stiller Gesellschafter mit Hoffnung auf angemessene Rendite - am Beispiel der Schönheitsoperationen lässt sich ein Trend ablesen, der im Krankenhausbereich immer stärker wird und dem sich auch Klinikärzte kaum noch entziehen können. Chefarzt Brandis brachte die Umwälzungen im Gesundheitssystem auf den Punkt: "Wir sind unter erheblichen Druck geraten. Es ist daher notwendig und zukunftsweisend, wenn ein Universitätsklinikum sich in bestimmten Bereichen privatwirtschaftlich engagiert."

Fast wie ein Werbeprospekt liest sich die Begründung, warum das Uniklinikum die, wie es heißt, erste private Klinik für ästhetisch-plastische Chirurgie in Europa eröffnet hat, die über eine direkte Anbindung an das Universitätsklinikum verfügt. In der Öffentlichkeit sei es bisher kaum bekannt, dass im Spektrum einer Universitätsklinik auch Schönheitsoperationen enthalten seien. Vielmehr werde angenommen, dass dort nur komplizierte Wiederherstellungschirurgie vorgenommen würde. "Viele Betroffene scheuen aber den Großbetrieb eines Klinikums, wenn es nur um ästhetische Korrekturen geht. Zwar schätzen sie die Kompetenz und Sicherheit des Universitätsklinikums, es fehlt ihnen dort aber an Intimität, Komfort und Service."

Noch nehmen sich die Anfänge bescheiden aus in der neuen Ausgründungs-GmbH, die seit dem 10. Februar ihren Betrieb aufgenommen hat. Zwei Klinikoberärzte operieren dort in Teilzeit, vier Fachkräfte kümmern sich um die Patienten, der Rest wird vom Hotel erledigt. Doch in den drei OP-Räumen können, so berichtet Björn Stark, jährlich bis zu 1500 Privatpatienten operiert werden. Der Ärztliche Direktor der Abteilung plastische und Handchirurgie fungiert an der nach dem Freiburger Chirurgen Erich Lexer benannten Klinik als Ärztlicher Leiter; er wie auch die Oberärzte bleiben der Uniklinik erhalten. Wenn der erhoffte Patientenstrom an der Privatklinik einsetzen sollte, können die Oberärzte ihr Deputat erhöhen; dafür sollen dann am Klinikum neue Ärzte eingestellt werden. So hofft Stark, die Abwanderung von Fachärzten verhindern zu können und dem Klinikum neue Finanzquellen zu verschaffen. Die Fachärzte aber könnten an zwei Kliniken mit unterschiedlichen Schwerpunkten ihr Handwerk perf ektionieren.

Doch was nach einem Neuaufbruch mit Fanfarenstößen aussieht, ist weniger aus Pioniergeist geboren als vielmehr dem Zwang der Verhältnisse geschuldet. Die öffentliche Finanznot und der wachsende Konkurrenzdruck zwingen, so wurde bei der Eröffnung betont, auch ein Uniklinikum, in neuen Bahnen zu denken und, wie es heißt, "unternehmerische Initiativen" zu entwickeln. Das ist zwar im Gesamtbereich der Freiburger Universität nicht ganz neu, existieren doch bereits seit längerer Zeit zwei Ausgründungen im biomedizinischen Bereich. Doch für den engeren medizinischen Bereich hat Freiburg durchaus Modellcharakter. Eine andere Frage ist, ob daraus auch ein Erfolgsmodell wird. So werden auch am Universitätsklinikum Tübingen Schönheitsoperationen für Selbstzahler durchgeführt, aber, wie der kaufmännische Direktor Rüdiger Strehl betont, im bestehenden Rahmen. Die Frage nach einer Ausgründung habe sich bisher nicht gestellt.